Chemtrails Verschwörungstheorien

»Chemtrails« des Storytellings.

Virale Verschwörungstheorien – wie Sie sie entlarven und: designen.

Blogue-Artikel von Gastautorin Friederike Balthasarina Freifrau von Münchhausen

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Eine schicksalhafte Begegnung

Es ist Ihr Schicksal, diese Zeilen zu lesen.

Sie werden unerhörte Geheimnisse erfahren, die Sie und Ihre Sicht auf diese Welt für immer verändern werden. Aber Vorsicht: Diese Informationen sind gefährlich. Mächtige Kräfte versuchen, deren Publikwerden zu unterdrücken. Die bösartigen Herrscher:innen arbeiten im Geheimen, sie haben sich verschworen, die – für sie – unbequeme Wahrheit durch ihre Lügen zu vernebeln.

Wenn Sie ihre Geheimnisse weitergeben, könnten auch Sie ins Visier der geheimen Machtelite geraten. Seien Sie gewarnt: Diese Personen sind nicht nur mächtig und selbstsüchtig, sondern auch skrupellos.

Woher ich das weiß?

Ich war einst eine der Ihren.

Deshalb kenne ich Ihre Pläne, Ihre Strategien und Taktiken, ihre hinterhältigen Tricks genau.

Vertrauen Sie mir, ich bin eine Lügnerin

So raunen Verschwörungserzählungen ihrem Publikum verführerisch zu, versprechen eine neue Identität als Teil einer Gemeinschaft, die Normalsterblichen überlegen ist durch Zugang zu Geheimwissen darüber, welche sinistren Personen die Geschicke der Menschheit insgeheim lenken – und wie sie dies vollbringen.

Tatsächlich aber sind Konspirationsstorys Waffen, um eine Leser:innenschaft zu becircen, sie zu manipulieren und Gegner:innen zu schaden.

In meinem Blogue-Artikel erläutere ich, woran Sie Verschwörungstheorien erkennen, was ihren erzählerischen Reiz ausmacht und gebe …

… eingerahmt Tipps, wie Sie Ihre eigene Verschwörungserzählung verfertigen.

»Nichts ist wahr, alles ist erlaubt«.

Hassan-i-Sabah, von Verschwörungstheoretiker:innen gern zitiert

Erkennen wir an: Wir leben in einem postfaktischen Zeitalter, in dem es vor Fake News nur so wimmelt, eine großartige Epoche, in der wir selbst wählen, was wir glauben und uns nicht mehr genötigt fühlen, uns mit derart lästigen Dingen wie der Suche nach »Wahrheit« herumzuschlagen, nein, dankenswerter Weise leben wir in einem Äon, in dem gilt:

»Wahr ist, was gefällt.«

Friederike Balthasarina Freifrau von Münchhausen

Zugleich sind Medienkompetenz und -skepsis unserer Mitmenschen qua massiven Bombardements von Werbe- und PR-Botschaften und Pseudo-Nachrichten derart sturmreif geschossen, dass unsere Zeitgenoss:innen leichtgläubig sondergleichen geworden sind und sich von gut designten Verschwörungsschnurren verlässlich nasführen lassen. 

Wie entstehen aber Verschwörungserzählungen?

Ich schreibe »Verschwörungserzählungen« oder »-narrative«, weil sie freilich keine Theorien im streng wissenschaftlichen Sinne sind. Weil sie erzählerisch verfahren – was sie für einen Blogue über »Storytelling« interessant macht. Sie bilden gleichsam die »dunkle Seite des Storytellings«.

Wie entwickeln wir aber konspirationistische Storys, die’s uns ermöglichen, uns selbst zu überlegenen Wissenden aufzuschwingen sowie unseren Feind:innen den Garaus zu machen?

Die Faszination unerhörter Geheimnisse

Am Anfang vieler Verschwörungserzählungen steht ein öffentlichkeitswirksames, unerhörtes Ereignis, das rätselhaft ist: Wie kam es zu einer Krise, einem Unfall, einer Ungerechtigkeit, einer Katastrophe oder einem spurlosen Verschwinden?

Ebendieses Rätsel lässt sich dann nicht ohne weiteres auflösen, es gibt keine eindeutige oder befriedigende Auflösung, lediglich Antwortversuche.

Die Spannung eines Geheimnisses können wir Menschenkindlein, die wir uns stets nach Kontrolle unserer Lebenswelt sehnen, aber nur schwerlich ertragen. So verlangt das Geheimnis nach Erklärungen und regt die kollektive Phantasie an. Je krisenhafter das Ereignis, desto stärker der Wunsch nach Orientierung, Erklärung und damit Handhabbarkeit.

* Suchen Sie zum Verfertigen Ihrer eigenen Verschwörungserzählung ein öffentlichkeitswirksames ungeklärtes Ereignis als Ausgangspunkt – und schicken Sie sich dann an, es zu erklären.

* Finden Sie kein solches Ereignis, behaupten Sie einfach kulturpessimistisch eine gefährliche Entwicklung, eine Krise, eine Gefahr, auf die die Gesellschaft zusteuert.

* Tauglich ist auch eine unerhörte Behauptung, etwa dass eine Kur für eine bislang unheilbare Krankheit längst gefunden wäre – sodass rätselhaft wird, warum dies nicht öffentlich bekannt ist.

*Teilen Sie Ihre Verschwörungserzählung auf in das Sichtbare und das Unsichtbare. Das Sichtbare: Das rätselhafte Ereignis/der behauptete Krisenprozess/das erfundene Skandalon und herkömmliche (Mainstream-)Erklärungsversuche. Das Unsichtbare: Die geheime Verschwörung, die die Lücken im Wissen des Sichtbaren auffüllt. Ihr unsichtbarer Plot löst die Geheimnisse und verfugt Widersprüche des Sichtbaren durch die simple Erklärung, wer dahintersteckt.

* Hilfreich ist hierbei die Behauptung, die Mainstream-Erklärungsansätze klängen allesamt verdächtig unisono sowie dass die – für die mächtigen Verschwörer:innen unbequeme – Wahrheit unterdrückt werde.

Cui bono? – Wählen Sie Ihre Feind:innen mit Bedacht

Die wohl wichtigste Entscheidung, die Sie zum Verfertigen Ihrer Verschwörungserzählung treffen müssen, ist die Wahl Ihrer Gegner:innen.

Bereits der britische Meisterregisseur Alfred Hitchcock verriet seinem Kollegen Francois Truffaut – nachzulesen in dessen Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? {*}, dass eine Geschichte nur so gut sei, wie ihr:e Antagonist:in.

Gegner:innen sind in Verschwörungserzählungen jene, denen alle erdenklichen Übel der Welt nützlich sind, die sie verursachen und für ihre Zwecke ausbeuten.

Michael Butter, seines Zeichens Amerikanistik-Professor, unterscheidet in seinem Bestseller Nichts ist, wie es scheint. Über Verschwörungstheorien {*} Konspirationen …

  • »von oben«, also etwa durch Mächtige, die Regierung oder technologisch überlegene Aliens,
  • »von unten«, das heißt: durch Außenseiter oder marginalisierte Gruppen,
  • »von innen«, beispielsweise als Illuminaten Freimaurer anwarben, um Zugang zu deren Logen zu erlangen oder …
  • »von außen«, etwa durch Infiltration durch Doppel:agenten oder wie wir es von Narrativen her kennen, die Menschen zu Sündenböcken machen, die aus fernen Ländern aus Angst vor Krieg, Verfolgung oder Armut zu uns kommen bzw. von geheimen Mächten, die deren Migration angeblich insgeheim steuern.

Betrachten wir verschiedene Verschwörungsnarrative, drängt sich der Eindruck auf, bösartiges Othering sei deren eigentlicher Zweck, als sei’s ihnen darum zu tun, eine bestimmte Out-Group verächtlich zu machen.

Warum dies beim Publikum mitunter wunderbar verfängt, erklärt Will Storr in seiner Science of Storytelling {*] – zu der hier auf Schonology© eine Rezension zu finden ist: Verleumdendes Othering kommt unserer ohnedies vorhandenen, sinistren Tendenz entgegen, der eigenen In-Group hehre Motive und eine solide Ethik zu unterstellen, wohingegen wir sogenannten »anderen«, wenn wir in Konflikt mit ihnen geraten, vorschnell niedere Beweggründe unterschieben – teils ohne es selbst zu bemerken.

Vereinfachen Sie!

Um Ihre Erzählung leicht konsumabel zu machen, ist‘s essentiell, die viel zu komplexe, unüberschaubare Wirklichkeit in eine Schablone schlichten Schwarzweißes zu pressen: Wir – die Guten, die Wissenden, die Aufklärenden– auf der einen Seite und auf der anderen die Verschwörer:innen, denen jedwede, noch die übelste Übeltat zuzutrauen ist.

Dieses simplifizierende Schwarzweiß ist auch deshalb ungemein verführerisch für Ihre:n Zuhörer:in, weil es ermöglicht, der Frage aus dem Weg zu gehen, ob sie bzw. er selbst sich womöglich bequemen müsste, etwas am liebgewonnenen Lebensstil zu ändern, ob sie bzw. er Teil des Problems sein könnte.

Schließen Sie zum Fabrizieren Ihrer Verschwörungserzählung bei Ihrer Auswahl angeblicher Konspirateur:innen an Stereotype und Klischees an.

Je übler die unterstellten Motive, Absichten, Pläne und Taten der Konspirierenden, umso größer die Empörung – und hiermit der Vorteil, dass sich Ihr Narrativ in sozialen Netzwerken rasanter verbreitet. Studien zeigten, dass emotionalisierende Lügen öfter geteilt wurden als nüchterne – sagen wir doch gleich: langweilige – Fakten.

Nicht nur das Benennen von Schurk:innen, die hinter jedweden Übeln stecken, bewirkt radikale Vereinfachung. Eine weitere Simplifizierung: Behaupten Sie, die Verschwörer:innen hätten – gleichwie LargerthanLife-Charaktere des Popcornkinos – lückenlose Kontrolle durch ihre überlegenen Fertigkeiten.

Anders als in unserer unberechenbaren, von unzähligen Einflüssen bestimmten Wirklichkeit, führen in Verschwörungserzählungen simpelste Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge vom Willen zur Tat, bewirken omnipotente Konspirateur:innen genau das, was sie wollen. Zeichnen Sie sie daher als handlungsmächtige Personen, sie lenken die Geschicke der Weltgeschichte – die nur für ahnungslose Uneingeweihte undurchschaubar daherkommt.

Eine logische Folge ihrer Allmacht ist, dass es ihnen – entgegen jedweder Plausibilität – ein Leichtes ist, ihre Konspiration geheim zu halten, womöglich gar über Jahrhunderte hinweg. 

* Strukturieren Sie Ihr Verschwörungsnarrativ schwarzweiß: Verschwörer:innen böse, Verschwörungstheoretiker:innen gut

* Schildern Sie (Welt-)Geschichte als simplen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang

* Gestalten Sie die Konspirationist:innen als allmächtige Akteur:innen: Was sie wollen, geschieht

Verschwörungsstory = Ersatzreligion?

Verschwörungs-Narrative ähneln in mancherlei Hinsicht den Erzählungen der Religionen.

Auch sie berichten von einer Wahrheit hinter der Wirklichkeit, zu der Eingeweihte nach einer Erweckung oder qua einer Vision Zugang erlangten, von einer Wahrheit, die sie von Grund auf veränderte.

Freilich wirken die traditionellen Religionen mit ihrer »goldenen Regel« – »Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg‘ auch keiner andern zu« – der Verunglimpfung bestimmter Personengruppen eigentlich entgegen, diesbezüglich hinderlich ist etwa auch, wenn ein Apostel Paulus verkündet: »wir kämpfen nicht gegen Menschen, sondern gegen Mächte und Gewalten des Bösen« (Epheserbrief des Neuen Testaments, Kapitel 6, Vers 12).

Bekanntermaßen hat aber weder »goldene Regel« noch die Immaterialisierung gegnerischer Kräfte einige religiöse Eiferer davon abgehalten, bestimmte Gruppen verächtlich zu machen. Ebenso unbeirr- und unbelehrbar wie diese Eiferer gebärden sich auch so manche Verschwörungsgläubige, nämlich als verbohrte Missionare ihrer »Heilslehre«.

In gewisser Hinsicht bilden Verschwörungserzählungen weltliche Alternativen zu den Sinnstiftungs-Erzählungen der Religionen. Anhand von Konspirationsstorys gleichwie religiöser Narrative lässt sich erkennen, wie Storytelling Identität zu stiften imstande ist, Glaub- und Vertrauenswürdigkeit herstellt (zumindest kurzfristig) und Orientierung schafft.

Einige Grundmuster religiöser Erzählungen bilden einen vortrefflichen Boden, auf dem die Saat eigener Verschwörungsschnurren fruchtbar sprießt.

Für Ihr Verschwörungsnarrativ eignen sich folgende religiöse Erzählmuster:

* Schöpfungsgeschichten, die den Ursprung eines Rätsels erklären,

*Bekenntnis- und Bekehrungsgeschichten, die von einer tiefgreifenden Veränderung unserer Persönlichkeit erzählen – etwa als Ich-Erzählung, wie wir vom „Irrweg“ auf den Pfad der „Tugend“ fanden, wobei wir von „Verblendeten“ zu „Erleuchteten“ wurden.

* Apokalyptische Erzählungen nahender Katastrophen, die die Dringlichkeit des Handelns betonen

Man wird doch noch fragen dürfen!

Zuweilen ist’s geboten, als Verschwörungserzähler:in subtiler vorzugehen, etwa dann, wenn Ihre eigentliche Absicht – eine spezifische Gruppe zu verleumden – erkannt und kritisiert wird.

In solchen Situationen ist es ratsam, nicht mit dem Zeigefinger auf die Verschwörer:innen zu deuten, sondern über einen Umweg:

Üben Sie sich im Stellen von harmlosen Suggestivfragen, die Sie als naive:n, wissbegierige:n, aufrichtige:n Wahrheitssucher:in darstellen – die aber lediglich jene Antworten zulassen, die Ihnen genehm sind.

Gekonnt ausgeführt, gelingt Ihnen das Kunststück, dass Ihre Zuhörer:innen Ihnen umso mehr vertrauen und noch festeren Glauben schenken, da sie selbst es waren, die sich die korrekte Antwort gaben: Hinter allem stecken ________ !(Hier die Verschwörer:innengruppe Ihrer Wahl einfügen).

Verschwörungen in Serie, grenzenlos erweiterbar

Besonderes fesselnd wird Ihre Verschwörungserzählung vermittels (vermeintlich exklusiver) Interaktivität, die Ihre Basiserzählung nahezu unbegrenzt erweiterbar werden lässt.

Sind die Verschwörer:innen einmal benannt und ist deren Skrupellosigkeit einmal gesetzt, entwickeln Sie ein munteres Schnitzeljagdspiel mit Schein-Beweisen und -Indizien.  

Behaupten Sie, dass die geheimen Bösewicht:innen sich sicher wähnen und deshalb, just zum Spaß, höhnisch-überheblich, wie sie nun einmal sind, zu allem Überfluss auch noch versteckte Hinweise auslegen, um ihre Schandtaten stolz als deren Urheber:innen zu signieren.

Benutzen Sie hierfür veröffentlichte Inhalte, zumal Datenmüll jener Gruppe, die Sie verschwörologisch verleumden möchten, indem Sie Muster und Hinweise in sie hineingeheimnissen. So verlängern Sie die Zweiheit »Sichtbar vs. Unsichtbar«, die Ihre Basiserzählung strukturiert, in das Material der gewählten Out-Group hinein und benutzen es als Waffe gegen sie, indem Sie es gegen den Strich lesen – und Ihrem Publikum beibringen, es Ihnen gleichzutun.

Ist Ihre Leser:innenschaft einmal angefixt von diesem Spiel, kann es selbstständig die (vermeintlichen) Hinweise lesen und die (scheinbare) Doppelbödigkeit erkennen, die zu bestätigen scheint, dass die bösen Verschwörer:innen überall sind und all jene insgeheim verlachen, die außerstande sind, ihre Texte »richtig« zu lesen. 

Klug ausgeführt sorgt diese Art von Gamification dafür, dass Ihr Publikum sich nurmehr tiefer in Ihre Erzählung verstrickt, es zu selbstbestätigendem und -überzeugenden Weiterspinnen verleitet, auf dass es irgendwann meint, überall Hinweise auf die Verschwörer:innen zu erkennen.

Die Folge: Die behauptete Allmacht dieser Schurk:innen scheint sich zu bestätigen. 

* Machen Sie Ihre Verschwörungsstory interaktiv, indem Sie Ihr Publikum anleiten, in harmlosen Verlautbarungen der vermeintlichen Verschwörer:innen infame „Wahrheiten“, empörende Pläne sowie bösartigen Hohn und Spott aufzufinden.

* Je allgegenwärtiger die Hinweise sind – man denke auf das allsehende Auge auf der Kehrseite der Ein-Dollar-Note – umso besser. Denn: Desto allmächtiger und umfassender kommt auch die erdachte Konspiration daher.

Insider, Eingeweihte, Visionäre – zur Untätigkeit verdammt

Bleiben Sie als Erzähler:in von Verschwörungsnarrativen demütig. Sie stehen den allmächtigen, geheimen Strippenzieher:innen gegenüber wie David einst Goliath. Die asymmetrische Konstellation betont Ihre Held:innenhaftigkeit, immerhin wagen Sie es, mächtigen Gegner:innen die Stirn zu bieten.

Aber mehr, als über deren vermeintliche Machenschaften aufzuklären, vermögen Sie nicht auszurichten. Hierfür sind die Konspirant:innen zu mächtig.

Hier zeigt sich der resignative, politikverdrossene und von Passivität gelähmte Charakter von Verschwörungserzählungen. 

Rechnen Sie aber damit, dass Ihr Verächtlichmachen Ihrerseits als Verschwörer:innen erwählten Gruppe Gewalt seitens Ihres Publikums heraufbeschwören könnte. So manchem Konspirationsnarrativ scheint es nachgerade genau darum zu tun zu sein, Gräueltaten zu inspirieren.

Verschwörungsdesigner:innen sollten folglich keine allzu zarten Gewissen zu eigen sein, sonst könnten sie die absehbaren Folgen ihres Tuns auf ewig bereuen.

Überlegen Sie also gut, bevor Sie in den Chor von Konspirationist:innen einstimmen oder gar selbst eigene Verschwörungsnarrative veröffentlichen.

Mit verschwörerischen Grüßen

Ihre

Friederike Balthasarina Freifrau von Münchhausen ist Privatière und verbringt ihre Mußestunden als freie Malediktologin, Essayistin, (Lebens-)Künstlerin.

Obacht: Satire! – Kommentar des Herausgebers

Geschätzte:r Leser:in,

klug, wie Sie sind, haben Sie längst begriffen, dass es unserer Schonology©-Gastautorin keineswegs darum zu tun ist, tatsächlich Unterweisungen in verschwörungstheoretischer Verächtlichmachung und Verleumdung zu geben.

Vielmehr soll ihr obiger, satirischer Artikel dabei helfen, Verschwörungsnarrative zu entlarven, ihre realitätsverzerrende Vereinfachung bloßzulegen und vor ihren fatalen Konsequenzen zu warnen.

Nicht von ungefähr mahnt Friederike Balthasarine von Münchhausen zuletzt an, dass Verschwörungserzählungen Gewalt heraufbeschwören können. Womit sie keineswegs übertreibt.

Philip Zimbardo, Psychologieprofessor und Erfinder des berühmten Stanford-Prison-Experiments von 1971, findet – in seinem Buch Der Luzifer-Effekt {*} – als Einflüsse, die völlig normale, bislang unauffällige Menschen dazu verleiten, Grausames zu tun:

1. Anonymität bzw. den Umstand, dass Täter:innen davon ausgehen, straflos davonzukommen,

2. eine Gesinnung und Sprache, die die Opfergruppe entmenschlicht,

3. ein Glaubenssystem, das unmoralisches Verhalten gegenüber dieser Gruppe rechtfertigt.

Den letzten Punkt bestätigt Will Storr, wenn er in The Science of Storytelling erklärt, dass Gewalttaten statistisch häufiger aus einer vermeintlich »richtigen«, scheinbar »moralischen« Überzeugung geschehen denn aus niederen Motiven wie Habsucht, Neid oder Rache.

Viele, zuweilen gar alle drei der seitens Zimbardo genannten Einflussfaktoren sind bei etlichen Verschwörungsnarrativen gegeben – was sie mordsgefährlich macht.

Wenn Spionagethriller Superschurk:innen oder ein Dan Brown Illuminati oder katholische Extremist:innen als Ausgeburten des Bösen zeichnen, so mag dies – da Fiktion – für Spannung sorgen und zuweilen blendend unterhalten.

Wenn solcherlei Fiktionen aber als Wahrheit geglaubt werden, ist dies etwas völlig anderes.

Daher ist es ungemein wichtig – wie es unsere Gastautorin vormacht -, vor der sinistren Zielsetzung vieler Verschwörungserzählungen zu warnen, der Zielsetzung, gewisse Personengruppen verächtlich zu machen.   

Vereinfachung komplexer Wirklichkeit

»Storytelling« ist bei seiner Abbildung von Welt gezwungen, zu vereinfachen, weil es, bildlich gesprochen, als Karte das Gebiet lediglich en miniature, zweidimensional und abstrahiert wiedergeben kann.

Entsprechend sind Storys – als Wirklichkeitsmodelle – meist überschaubar und wohlgeordnet, was uns einen behaglichen Eindruck von Kontrolle verschafft.

Obacht, warnt aber Psychologie-Nobelpreisträger Daniel Kahneman: Gerade deshalb lieben unsere Gehirne Storys, unsere Denkorgane lassen sich nur allzu gern von ihnen umgarnen – und sie fallen verlässlich auf Storys herein, glauben die Realitätsillusion, die so schmackhaft daherkommt.

Entsprechend wichtig ist es, wie unsere Gastautorin, Skepsis zu wecken gegenüber erzählerischer Vereinfachung. Denn: »Storytelling« mag zum »Buzzword« avanciert sein, es bedarf aber umsichtiger Handhabe, da es zu Propaganda verkommen kann.

Allmählich mehren sich die Stimmen, die von einem »Kult des Storytellings« sprechen, in akademischen Kreisen ist bereits von »narrativem Imperialismus« die Rede: Einfache, leicht konsumierbare Storys verdrängen ambigere, detailliertere und komplexere – und damit: wirklichkeitsgetreuere – Modelle zur Beschreibung und Erklärung unserer Welt, was besonders heikel dort ist, wo dies unangemessen ist, etwa in Therapie und Wissenschaftsvermittlung.

Verschwörungserzählungen (und ihre Resonanz) verstärken oftmals noch den Eindruck, Storytelling sei vor allem dann effektiv, wenn es »Misstrauen« sät – gegenüber dem scheinbar Offensichtlichen, der Wissenschaft, dem Mainstream: Fake News erlangen bedauerlicherweise immer wieder größere Reichweiten als deren démystification, debunking, Entzauberung als das, was sie sind: Irreführung, Täuschung, Lügen.

Ich bin überzeugt: Langfristig ist wahrhaftiges, vertrauensbildendes Storytelling nachhaltiger und erfolgreicher.

Wer reißerisch, vereinfachend, unwahrhaftig und manipulativ erzählt, verspielt langfristig Vertrauen, verscherzt’s sich mit der Leser:innenschaft, zumindest jener, die die Wirklichkeit erkennen und ihr eigenes Urteil schulen möchte.

Statt darauf zu bauen, dass allein das simple, griffige und polarisierende Narrativ verfängt, empfehle ich, die Wirklichkeit genau zu beobachten und wahrhaftig zu schildern.

Natürlich sind, insbesondere in der Fiktion, Subjektivität, Zuspitzung und Übertreibung probate Mittel und oft erfrischend und unterhaltsam.

Es nützt Storyteller:innen aber ebenso ungemein, den Blick zu schärfen für das Welt- und Menschenbild, das ihrem Erzählen innewohnt.

Wer bestimmten Gruppen pauschal Übles nachsagen will, sollte, anstatt zu erzählen und verschwörisieren: sich schämen und schweigen.

Denn: Erfrischendes und innovatives Erzählen hinterfragt und unterläuft Klischees und Stereotype, fächert Schwarzweißdarstellungen in Schattierungen und Grautöne auf, regt zum Denken, auch zur Selbstbefragung an, stellt verbreitete Annahmen auf den Prüfstand, mahnt qua Dystopie vor Gefahren oder setzt der Resignation kreative Utopien entgegen.

Es wünscht Ihnen, geneigten Leser:innen, wie stets nur das Beste.

Ihr

Postskriptum: Wenn mein Artikel erbaulich, erhellend oder nützlich für Sie war, teilen Sie ihn doch gerne mit anderen Storytelling-Enthusiasten. Herzlichen Dank!


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